Victor Vasarely und 50 Jahre konstruktive Kunst in Paris

17.10.2009 - 21.02.2010

Eröffnungsrede des Kurators der Ausstellung (Dietmar Guderian)

am 16.10.2009 in der kunsthalle messmer in Riegel


Guten Abend meine sehr geehrten Damen und Herren,

als Mitglied des Stiftungsrates und Kurator dieser Ausstellung danke ich Herrn Jürgen Messmer und seiner Frau Favour  Messmer herzlich, dass sie die Plattform für diese hochkarätige Ausstellung bereitgestellt haben.
Die Wahl fiel bei dieser zweiten Ausstellung auf Victor Vasarély
– sowohl bei uns als auch im benachbarten Frankreich ein fast schon populär - künstlerisches Leitbild einer ganzen Epoche. Sein Werk wurde  dennoch seit langem weder hier im Südwesten noch im Elsass ausgestellt.

Daher wurde das für diese Ausstellung entscheidende Angebot von Frau Lahumiere aus Paris gern angenommen, sich aus einem großen Konvolut aus ihrer beeindruckenden Sammlung konstruktiv - konkreter Kunstwerke, bedienen zu dürfen. Ich selbst arbeite als Ausstellungsmacher schon seit über dreissig Jahren mit Frau Lahumiere und ihrer Galerie zusammen – mit „Teries - II (P.866)“(1973-75) hängt sogar ein Bild in dieser Ausstellung, das ich bereits vor zweiundzwanzig Jahren im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen für die  Ausstellung „Mathematik in der Kunst der letzten dreissig Jahre“ ausgeliehen hatte.

Dieses Angebot aus einer der wichtigsten Galerien für europäische konstruktive und konkrete Kunst wurde dankbar angenommen. Es ist selbstverständlich, dass damit auch eine gewisse spezielle Auswahl von Kunstwerken dieser Richtung zu sehen ist. Aber mit Auguste Herbin und Aurelie Nemours sind die wichtigsten Schlüsselpositionen der konstruktiv – konkreten Kunst in Paris besetzt. Die Stiftung Messmer selbst steuerte neben anderen arbeiten ein Werk von Francois Morellet bei, die Sammlung Würth ein Hauptwerk von Agam und die Basler Galerie von Bartha ein für die Ausstellung wichtiges Werk von Vasarély. Zur Komplettierung hätte man sich noch den einen oder anderen weiteren Künstler vorstellen können , z.B. Vera Molnar, Bernar Venet und Mehdi Moutashar. Mir war aber vor allem wichtig, dass diese Ausstellung die Strenge der ersten Generationen im Umgang mit dem Begriff „Konkret“ zeigt, aber auch auf die Nahtstelle für Lockerungsansätze der späteren, heutigen Generationen konkreter Künstler verweist.

Viele Künstler verbindet nur der geografische Raum Paris mit Vasarely, während andere z.B. Aurelie Nemours, Auguste Herbin und Francois Morellet seit den dreißiger Jahren programmatisch mit ihm zusammenarbeiteten und mit ihm die gleichen Ziele gemeinsam verfolgten.

Frau Lahumiere wird in ihrer Rede Vasarely und die anderen Künstler biographisch und insbesondere Vasarely in seinen einzelnen Schaffensphasen vorstellen. Ich dagegen beschreite einen anderen Weg: Da die konkret-konstruktive Kunst nach van Tongerloo und Bill eine Kunst „vom menschlichen Geist für den menschlichen Geist“ ist, sind deren Konstruktionsprinzipien durch Gesetze der Logik bestimmt. Daher ist es legitim und notwendig, Sie – verehrtes Publikum – über Erklärungen …und das mit Hilfe von Lichtbildern (fHinweis für Besucher dieser homepage:  Die für die Vernissage  vorgesehenen Bilder werden im Laufe des 19. Oktober - Montag eingestellt.)  an diese Kunst heranzuführen.

Konkrete Kunst ist erklärbare Kunst und somit jedermann auch ohne kunsthistorische Vorbildung zugänglich. Über ästhetische Qualitäten spreche ich hier nicht, obwohl bei dieser Kunst auch die logischen Strukturen Farbe und Form annehmen.

Zuvor möchte ich mich herzlich bei Herrn Christoph Jager bedanken, der die Kunstwerke technisch perfekt gehängt hat. Die oft großformatigen Bilder und die Vielseitigkeit der hier zu zeigenden Künstler verlangten dabei aus Sicht des Kurators auch Kompromisse.

Mir war es ein wesentliches Anliegen, die Bilder so zu hängen, dass sie den nötigen Freiraum erhielten, um sich entfalten zu können. Um eine Reizüberflutung zu vermeiden, wurden die Bilder nicht nur nach inhaltlichen sondern darüber hinaus auch nach farblichen Zusammenhängen angeordnet.

Im folgenden wende ich mich drei Schlüsselbegriffen aus Vasarelys Schaffen zu, die auch jeweils für viele andere Künstler in der Ausstellung von Bedeutung sind: Konkrete Kunst – Information – Kunst und Gesellschaft

Konkrete Kunst
Im Jahre 1954 erklärt Victor Vasarely:


„Ein Kunstwerk, das der Natur gleicht ist, ist unnütz.
Kunst ist artifiziell und keineswegs natürlich: Ein Kunstwerk schaffen heißt nicht, die Natur imitieren sondern ihr gleichkommen, sie sogar übertreffen durch eine Erfindung, deren unter allen Lebewesen nur der Mensch fähig ist.“

 Damit beruft er sich auf den Kreis der Zürcher Konkreten um Max Bill,
Camille Graeser, Richard Paul Lohse, Anto Stankowski, Verena Loewensberg, für die bereits ab 1938 der Begriff KONKRETE KUNST richtungweisend war. Unter Konkreter Kunst verstanden sie eine Kunst, die ohne Anschauung, ohne real Vorgegebenes auskommt.Das Bild „ANGLES“ der ehemaligen französischen Staatspreisträgerin,meiner lieben Freundin, der Pariserin Aurélie Nemours möge diese Durchgeistigung exemplifizieren:

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Foto: "angles" (folgt)

Aurélie Nemours hat bis zu Ihrem Tode in absoluter Konsequenz an der Forderung festgehalten, dass der erste Schritt des Werkprozesses, die vorausgehende, vollständige geistige Durchdringung des Themas und somit die Festlegung aller Strukturen ist. Danach erfolgt erst die Ausführung des Werkes. Im Gespräch mit ihr in ihrer Pariser Wohnung spürte man: Kommende Werkserien existierten in ihrer Vorstellung bereits real.

Das vorliegende Bild möge ihnen eine Vorstellung einer solchen Vorabfixierung vermitteln: Vier winkelförmige Elemente hat die Künstlerin hier in horizontal-vertikaler Lage in einem quadratischen Format scheinbar willkürlich ins Bild gesetzt. Doch eine kurze Analyse beweist die geistige Durchdringung dieses Werkes:

- Jeder Winkel besteht aus drei gleichen schwarzen Quadraten, die sich
mit dem fehlenden vierten in Ruhelage (horizontal-vertikal) angeordnet um die Mitte ihres Quadranten scharen.

- Die Größe der einzelnen Elemente liegt von vornherein fest. Sie orientiert sich an der Seitenlänge des kleinsten Quadrates: Bei jedem der anderen Winkel beträgt die Seitenlänge ein Vielfaches der kleinsten, Modul genannten Schlüsselgröße dieses Werkes: Hier (gegen den Uhrzeigersinn) das 7-. 6-, 8 – fache.

Die Künstlerin aber auch wir könnten weitere gleichartige Bilder malen, weil sie sie bereits – mit den Worten Vasarelys - für uns erschaffen hat.

Das Kunstwerk wird ent - individualisiert durch eine geistige Vorgabe, die es jeder weiteren schöpferischen Einflussnahme durch den Hersteller entzieht. Es wird zu einem durch den Betrachter nachvollziehbaren und mit seinem eigenen Geist überprüfbaren, allgemeingültigen intellektuellen Produkt, losgelöst vom Individuum der Künstlerin.  Aurélie Nemours geht hier die für die konkrete Kunst entscheidenden Schritte weiter, die andere Künstler, z.B. der in dieser Ausstellung hervorragend vertretene August Herbin vorbereiteten: Herbin z.B. ordnete jedem Buchstaben des Alphabetes jeweils bestimmte Farben und Formen zu. So war es ihm möglich, ein gegebenes Wort, z.B. in der Ausstellung das Wort „Lundi“ in seiner eigenen künstlerischen Verschlüsselung zu malen, aber dennoch nach seinem eigenen künstlerischen Gespür zu platzieren.





Kommen wir zum Begriff „Information“


Im Jahre 1952 erklärt Victor Vasarély:

„Durch die Loslösung vom Figurativen haben wir das Anekdotische ausgeschaltet. Eine Annäherung an die mathematischen Wissenschaften zeichnet sich ab.“ 
In den fünfziger Jahren entwickeln Max Bense in Stuttgart und Abraham Moles in Strassburg die Informationsästhetik. Die Ergebnisse der Informationstheorie beherrschten seinerzeit unsere Kultur: Linguistik, Kunst, Informatik,... .

Grundlagen dafür waren:

Erstens: Die Diskretisierung der Zeichen (im Unterschied zum Kontinuum in der Mathematik, zu Farb- und Tonverläufen in Kunst und Musik)
Zweitens: Die Reduktion auf wenige Zeichen bis hin zur Dualisierung  -  In der Informatik sind dies die Zustände 0 und 1, in Vasarelys Kunst die beiden Farben Schwarz und Weiss. Auch heute noch fasziniert die künstlerische Bandbreite, die Vasarely trotz dieser Bedingungen scheinbar spielerisch erreichte.

Vasarely erkannte die Bedeutung der Neuen Medien. Aufbauend auf Ergebnissen der Wahrnehmungstheorie entwarf er als erster Kunst für neue Medien und mit neuen Medien. Er wusste diese einzusetzen, er konnte Informationen und Fehlinformationen, Irritationen und Fehlinterpretationen konstruieren im gezielten Umgang mit grafischen Elementen. Schließlich konnte er – fast mathematisch exakt vorgehend – jeden beliebigen optischen Eindruck technisch erzeugen und für den Betrachter fast unmerklich in einen neuen Zustand überführen. Er schuf Kippbilder, verunsicherte Betrachter durch exakt verarbeitete falsche Perspektiven:
Vasarely hatte mit wenigen anderen (vor allem Bridget Riley) eine neue Kunstrichtung erfunden, die sogenannte OP –Art, die in kurzer Zeit über das Design des Alltags - von der Mode bis zum Tafelgeschirr unsere Welt überflutete.


Bild : Victoer Vasarely
"Novae"

Wie weit die Informationstheorie auch auf andere Künstler einwirkte, können
Sie in diese Ausstellung sehr gut auch an AGAMS monumentalem Werk „Structure – Forms,Coulours „ aus dem Jahre 1974 erkennen. AGAM stellt zwei fast entgegengesetzte Positionen der Informationsübermittlung einander gegenüber: Von einer Seite des Kunstwerkes sehen sie eine schwarz- weiße Streifenfolge  von der anderen Seite eine Überfülle an Farb- und Formsymbolen.


Foto
Victor Vasarély "MAJUS" 1967-68

Anhand des Bildes "MAJUS" können Sie selbst meine für die Ausstellung im Ulmer Museum aufgestellte These, dass Vasarely auch ein Konkreter Künstler ist, hier  mit mir verifizieren.

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Kunst und Gesellschaft

Die Entindividualisierung, Beschränkung auf wenige Symbole und die neuen technischen Möglichkeiten der Reproduzierbarkeit in allen Medien ermöglichen ihre massenhafte Verbreitung. Vasarely hat eine Vision:

"Die Kunst der Priviligierten muss die Kunst aller werden.“


Dabei schließt Vasarely sogar ein, dass man auf seinen Ideen und Materialien aufbauend
Konkrete Kunstwerke schaffen kann. Dazu erfindet Vasarely sein „planetoire folklorique“, ein Multiple, mit dem sich jedermann seinen eigenen "Vasarely"  erschaffen kann: 
Ein quadratisches Bildfomat auf das "Einheiten" (kleine quadratische Plättchen) gelegt werden können. Diese Plättchen zeigen jeweils zwei Formen (aus dreissig Formen) und zwei Farben (aus je 30 vom Künstler vorgegebenen Farben). it diesen Elementen lassen sich unvorstellbar viele verschiedene "Bilder" legen, die eindeutig Vasarelys Handschrift erkennen lassen. 

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An drei Schlüsselbegriffen habe ich ihnen Wesensmerkmale zu Vasarelys Werk erläutern wollen. Sein geglückter Versuch, Kunst für alle erwerbbar zumachen, führte schließlich zu einer geradezu inflationären Überflutung mit Bildern und Grafiken.
Heute, im Zuge der Wiederbeschäftigung mit der Konkreten Kunst werden auch Vasarelys Bilder wieder neu entdeckt. Vasarely ist es mit seiner OP-ART gelungen, den intellektuellen Ansatz scheinbar spielerisch zu verstecken und Zuschauermassen zu verzaubern.

Wer weiss, vielleicht stehen wir im Moment wieder vor einem neuen Gipfel dieses Sehvergnügens einschließlich des Risikos , wieder zu große Popularität zu erlangen.

Aber ebenso dürfen wir auf die Weiterentwicklung der die Ausstellung begleitenden lebenden konkreten Künstler hoffen, auf attraktive neue Wege, die aus der Strenge der ersten Generation hinaus in eine größere künstlerische Regelfreiheit führen.

(Zur Ausstellung konnte in der Kürze der Zeit kein Katalog erschienen. Es liegt jedoch ein Bildband mit attraktiven Abildungen einer Auswahl von Kunstwerken aus der Ausstellung vor.)